
Foto: Miguel Ferraz Araújo
Rothenburgsort ist besonders
Spezifisch und alltäglich. Divers und unkompliziert. Unaufgeregt und signifikant. Fluide und beständig zugleich. Das zeigen das Nebeneinander von den Möglichkeiten des “selber Machens” und der Wahrnehmung von “Angeboten”, von Bewohner:innen, Besucher:innen, Tourist:innen, Durchfahrer:innen, von Räumen der grünen Erholung und des industriellen Panoramas. So ist Rothenburgsort sowohl eine verbindende Heimat, Ort der Erinnerung, des Aufwachsens und Begleitens von jahrzehntelangen Stadtentwicklungsprozessen und gleichzeitig ein Experimentierraum für Neues, Anderes, Temporäres und Unvorhergesehenes. Nach Rothenburgsort kommt und ist, wer hier etwas zu tun hat. Der vorbeischaut, wenn etwas los ist. Einerseits. Und andererseits: Der hier schon lange wohnt, der hier geboren, der hier aufgewachsen ist, der immer wieder die Familie, die Freund:innen besucht. Rothenburgsort wird als ein Stadtteil beschrieben, in dem “Vielfalt willkommen ist und die Leute bodenständig sind”. Dies zeigen auch die Zahlen der Umfrage: So bewohnen den Stadtteil seit 10 und mehr Jahren mit knapp über 50, 6% und gleichzeitig sind mit 49, 4% fast genauso viele Bewohner:innen vor zwei oder weniger Jahren nach Rothenburgsort gezogen. Als fragmentierte Momentaufnahme im Jahr 2025 auf Basis von 500 Teilnehmer:innen unserer Umfrage wird sich zukünftig zeigen, wie sich dieses Verhältnis verschieben wird und sich dessen Veränderungen in Erfordernissen, Möglichkeiten und Bedingungen im Stadtteil zeigen.

Foto: Miguel Ferraz Araújo
Rothenburgsort ist eine Baustelle
Seit circa 2020 ist Rothenburgsort als anhaltende Baustelle deutlich spürbar. Beginnend mit der städtischen Nachverdichtung mit insbesondere Wohnraum entlang der Marckmannstraße, finden derzeit umfangreiche Baumaßnahmen entlang des Billhorner Röhrendamm und dem Vierländer Damm in einer “Doppelbaustelle” statt. In dieser Baustelle arbeiten sowohl der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) und Hamburg Wasser an der Erneuerung dieser wichtigen Verbindungsstraße Hamburgs und der darunter liegenden Wasserinfrastruktur. Langsam konkretisiert sich auch die Zeitplanung der zukünftigen Baustellenarchitektur des Alster-Elbe-Bille Grünzugs (ABE) heraus. Von Norden aus kommend, ist insbesondere der Abschnitt entlang des Billhorner Mühlenweg für Rothenburgsort relevant. So war, ist und wird der Stadtteil Rothenburgsort zunächst einmal Baustelle bleiben. Aufgrund dieses als ein in Hamburg präsentes Themenfeld hat die Hamburger Stiftung Baukultur (HSBK) sich seit März 2025 zur Aufgabe gemacht, Gespräche zu, über und mit Beteiligten von Baustellen zu sprechen. Dafür bietet sie in verschiedenen Stadtteilen Begehungs-, Besichtigungs- und Diskussionsformate an - so auch bei den im Mai stattfindenden Testspielen im Rahmen dieses Projekts. Die übergeordnete Frage, die sich die HSBK dabei stellt, ist: Wie können wir nicht trotz, sondern mit Baustellen gut wohnen (und arbeiten)? Sie hebt dabei mögliche, noch herauszuarbeitende, vielleicht derzeit unbekannte Potenziale von Baustellenarchitekturen heraus und sucht danach wie diese für das direkte Wohn- und Arbeitsumfeld nützlich sein können. Dieses Potenzial ist nach den Meinungen aus der Umfrage, den Beobachtungen und dem Mitwohnen vor Ort noch äußerst ausbaufähig, wird die Baustelleninfrastruktur mehr als Hindernis der Überquerung von der einen Straßenseite zu der anderen empfunden und gar als “Unfallhotspot” bezeichnet. “Der Stadtteil hat seine Lebensqualität aufgrund der Baustellen eingebüßt. Eine frühzeitige Informationspolitik und eine bessere Staffelung und Planung der Baumaßnahmen wäre wünschenswert", so die vielfältigen Stimmen aus der Umfrage. Dies gilt es in Anbetracht der zukünftig anhaltenden Baustellen zu berücksichtigen, indem insbesondere die Gewerbetreibenden und Bewohner:innen entlang des Billhorner Mühlenwegs bereits schon heute und im weiteren Verlauf an den Planungs- und Baumaßnahmen partizipieren.
Grün, grün und noch einmal grün: Rothenburgsort ein Stadtteil, in dem es nicht an Grün fehlt?
Rothenburgsort gilt insbesondere mit dem Entenwerder Park, der Nähe zur Elbe und der direkten Anbindung an die Elbinsel Kaltehofe als Naherholungsgebiet der Stadt Hamburgs. Der Stadtteil wird dabei sowohl von inner- als auch außerstädtischen Tourist:innen besucht und gleichzeitig von den Bewohner:innen geschätzt. Auf die Frage hin, an welchen Orten in Rothenburgsort Sie gerne sind, antworteten 78,6% von Ihnen im Entenwerder Park, 70,3% am Deich und an der Elbe und 46,5% auf ihrem Balkon. Draußen sein ist ein großes Thema im Stadtteil. Diese außerordentlich grüne Infrastruktur wird dabei sowohl durch die großen Parkanlagen, als durch die Begrünung in den Zwischenräumen, begleitendes Straßengrün als alter Baumbestand oder Abstandsgrün deutlich. In einer durch den Klimawandel betroffenen Stadt werden diese Räume immer wichtiger. Strategien der Klimaanpassung und der Klimaresilienz werden global und insbesondere in den Metropolen diskutiert. Prinzipien wie die Schwammstadt (Kongjian, 2025) schaffen durch gezielte Entsiegelungs- und Begrünungsmaßnahmen auf verschiedenen Maßstabsebenen von der Stadt bis zum Haus Abhilfe gegen die zukünftige Überhitzung in den Metropolen. Hamburg Wasser arbeitet zusammen mit der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA)
an der Schwammstadt Hamburg (Hamburg Wasser, 2025). Der Einsatz von grün-blauen Infrastrukturen über Parkanlagen, innerstädtische Gewässer zur Begrünung von Dächern und Fassaden sind vielfältig. Die Hamburger Landschaftsachsen leisten bereits jetzt schon einen erheblichen Beitrag in Richtung grün-blauer Infrastruktur - auch der zukünftig durch Rothenburgsort führende Alster-Bille-Elbe Grünzug ist Teil dieser wichtigen Grünverbindungen. Doch nicht nur die “großen” Maßnahmen tragen zur Porosität des Quartiers bei. Es sind vor allem auch die vielen kleinen wohnungsnahen Grünräume wie beispielsweise in der Stresowsiedlung die zur Erholung der Bewohner:innenschaft beitragen. Mit den nun kommenden Nachverdichtungsmaßnahmen im Stadtteil stellt sich die Frage diese Räume zu schützen. Es besteht die Vorstellung die Flächen “Weniger [zu verdichten] durch noch mehr Häuser. Lieber noch zwei, drei Etagen mehr, aber Platz zwischen den Häusern," so die Teilnehmer:innen der Umfrage.

Foto: Miguel Ferraz Araújo

Foto: Miguel Ferraz Araújo
Mobilität heute und in Zukunft
Die Frage nach dem öffentlichen Raum und was dieser für Sie können muss, traten insbesondere die unterschiedlichsten Mobilitätsanforderungen als streitbares Thema hervor. Den öffentlichen Raum teilen sich Fußgänger:innen mit und ohne zu schiebende Kinderwägen und weitere an der Hand, mit Hünd:innen an der Leine, Rollstuhl- und Roller-, Fahrrad-, Auto- und Bus- und LKWfahrer:innen, dies auf verschiedenen Spuren, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Richtungen. “Er sollte durch mehrere Ebenen weder Autoverkehr noch Fahrrad und Spaziergänger [benachteiligt werden]”, so die Kompromissvorstellungen in der Umfrage. Wie sieht die Zukunft der Mobilität entlang der Rahmenbedingungen der allgemeinen Verkehrswende in Rothenburgsort aus? Zu berücksichtigen sind hier sicherlich die unterschiedlichen Bedarfe, aufgrund von Komfort, Bedingungen, Notwendigkeiten und Einschränkungen.
Ein Stadtteil, der eine diverse Infrastruktur braucht?
Auch wenn über die Umfrage deutlich wurde, dass der Stadtteil Rothenburgsort ein beliebter Ort für Bewohner:innen, dort Arbeitende und Besucher:innen ist, der sich vor allem durch seine soziale, kulturelle und räumliche Diversität auszeichnet, ist es dennoch notwendig für einiges, vieles und mehr den Stadtteil zu verlassen. Den Stadtteil verlassen um alternativ zu den Discountern einkaufen gehen zu können, um medizinisch versorgt werden zu können, um kulturelle Angebote wie Theater, Museen, Galerien wahrzunehmen, um Freunde und Freund:innen in Bars zu treffen und tanzen zu gehen, um das Schwimmbad zu besuchen. Mit der zukünftig zunehmenden Dichte stellt sich noch einmal mehr die Frage, welche Infrastrukturmaßnahmen dem Stadtteil Rothenburgsort bereits heute schon fehlen und welche davon es unbedingt auszubauen gilt. Folgen wir dabei Christopher Alexander mit seinem Beispiel “Straßenecke” und anhand dessen Lucius Burckhardt mit dem Ansatz des unsichtbaren Designs, dann braucht es vor allem dichte, hybride, mehrlagige, -skalige und -zeitliche Situationen in denen unterschiedlich viel passiert. Verstehen wir die Stadt als den Raum, den wir bewohnen dann wird dessen “[…] Wohnlichkeit aber […] erst dann zu etwas, was wir bewahren oder gar wieder herstellen können, wenn wir verstehen, dass sie nicht eine Addition bauorientierter Verbesserungen, sondern eine Organisation lebenswerter Subsysteme ist.” (Burckhardt 1981, 210). In Rothenburgsort gäbe es bereits heute einige dieser Orte, von denen sich lernen ließe (Magazin #1, 2, 3) – der Post-Kiosk am Billhorner Mühlenweg ist beispielsweise einer davon.

Foto: Miguel Ferraz Araújo

Foto: Miguel Ferraz Araújo